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Vergangenheit wird Gegenwart
Bereich: Klinische Forschung Neurowissenschaften
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| Prof. Dr. Armin Schnider Genf |
Einleitung
Um zweckgerichtet zu handeln, muss das Gehirn nicht nur Information speichern können, sondern auch zu jeder Zeit diejenigen Gedanken herausfiltrieren, die sich auf die Gegenwart beziehen und für das aktuelle Handeln von Bedeutung sind. Vereinzelte Patienten handeln nach einer Hirnschädigung aufgrund von Gedächtnisspuren, die keinen Bezug zur Gegenwart haben, und rechtfertigen ihr Verhalten mit erfundenen Geschichten -sogenannten spontanen Konfabulationen-, die für sie offenbar Realitätswert haben. Wir haben herausgefunden, dass diese Patienten aktivierte Gedächtnisspuren und gedankliche Assoziationen, die keinen Bezug zur aktuellen Realität haben, nicht unterdrücken können, sodass diese Assoziationen ihr Denken und Handeln bestimmen. Die Hirnläsionen betreffen immer Anteile des vorderen limbischen Systems. Dieses hat offenbar die Aufgabe, diejenigen gedanklichen Assoziationen herauszufiltrieren, die sich auf die aktuelle Realität beziehen.
Was sind spontane Konfabulationen ?
Hirnschädigungen führen sehr oft zu Gedächtnisstörungen. Die bekannteste ist die Amnesie, eine Unfähigkeit, genügend neue Information abzuspeichern und aus dem Gedächtnis wieder abrufen zu können. Eine isolierte Amnesie beruht typischerweise auf einer Schädigung des Hippokampus, einer kleinen Struktur an der Innenseite des Schläfenlappens, oder seiner Verbindungen. Patienten mit schwerer Amnesie bemerken zumeist ihre Gedächtnisstörung und leiden darunter.
Demgegenüber gibt es vereinzelte Patienten, die ebenfalls amnestisch erscheinen, die sich aber offenbar überhaupt nicht bewusst sind, dass sie eine Gedächtnisstörung haben. Vielmehr erzählen sie von Aktivitäten und Tagesgeschehen, die zwar erfunden sind, an welche die Patienten selbst aber fest glauben. So fest, dass sie aufgrund dieser Geschichten auch handeln: Eine Frau, die eine Hirnblutung aus einem Aneurysma (Gefässwandausstülpung) erlitten hatte, verliess wiederholt die Untersuchung in der Überzeugung, dass sie ihr Kind stillen musste; dieses war aber bereits über 30 jährig. Ein Arzt, der ein Schädelhirntrauma erlitten hatte, verliess unvermittelt das Spital im festen Glauben, dass Patienten in seiner Praxis auf ihn warteten. Obwohl diese Geschichten, die als spontane Konfabulationen bezeichnet werden, auf den ersten Blick frei erfunden scheinen, zeigt sich bei näherem Hinsehen aber doch, dass sie sich aus Erinnerungsfragmenten tatsächlicher Erlebnisse zusammensetzen. Diese Erinnerungsspuren, die sich bisweilen auf Ereignisse beziehen, die Jahre zurückliegen, scheinen im Denken der Patienten die Gegenwart darzustellen. Die Patienten unterscheiden nicht mehr zwischen der tatsächlichen, gegenwärtigen Realität und Erinnerungen an frühere Ereignisse.
Experiment
Wir haben diese Idee in mehreren Studien untersucht. In einem entscheidenden Experiment haben die Patienten eine lange Serie von Bildern gesehen, wobei sich einzelne Bilder mehrmals wiederholten. Die Patienten mussten diese Bildwiederholungen erkennen. Eine solche Aufgabe bedingt die Fähigkeit, neue Information in sein Gedächtnis aufzunehmen, also zu lernen. Dabei ergab sich kein Unterschied zwischen "normalen" amnestischen Patienten und spontan konfabulierenden Patienten. Interessanterweise war die Leistung einzelner spontan konfabulierender Patienten aber sogar normal; sie speicherten offenbar normale Mengen von Information. Nun wurde die Aufgabe mehrmals wiederholt, wobei immer wieder die gleiche Bildserie gezeigt wurde, jedoch in jedem Durchgang in anderer Reihenfolge und mit wechselnden Bildern, die sich wiederholten. Diese Durchgänge verlangten nun nicht mehr die Fähigkeit, neue Information zu lernen, sondern die Unterscheidung zwischen Bildwiederholungen im gegenwärtigen, im Gegensatz zu einem früheren, Durchgang zu machen -die Unterscheidung zwischen "jetzt" und "früher". Normale amnestische Patienten machten diese Unterscheidung ohne Mühe. Spontan konfabulierende Patienten hatten dagegen grösste Probleme: selbst wenn die Durchgänge in einem Abstand von 30 Minuten oder gar einer Stunde gemacht wurden, meinten sie immer wieder, sie hätten ein Bild eben erst im aktuellen Durchgang gesehen. Sie waren offenbar nicht imstande, Erinnerungsspuren des vorherigen Durchgangs wieder zu unterdrücken; diese blieben aktiv, als entsprächen sie Bildern, die eben erst im jetzigen Durchgang dargeboten wurden.
Die Hirnschädigung
Spontane Konfabulationen können die Folge unterschiedlicher Arten von Hirnschädigungen sein: Trauma, Blutung, Entzündung oder Tumor. Entscheidend für das Auftreten spontaner Konfabulationen ist der Ort der Hirnschädigung. Wir haben gesehen, dass die Verletzungen von spontan konfabulierenden Patienten immer eine spezielle Hirnregion betreffen, die als vorderes limbisches System bezeichnet wird: dieses Gebiet erstreckt sich vom hintersten Anteil der Unterfläche des Stirnlappens bis zum Mandelkern, der gerade vor dem Hippokampus liegt. Dieses System war bisher vor allem als "Zentrum für Emotionen" und als "Belohnungssystem" bekannt, während ihm keine eigenständige Bedeutung für Gedächtnisfunktionen zugeschrieben wurde.
Folgerungen
Diese Ergebnisse lassen verschiedene Schlussfolgerungen zu: Als erstes zeigen sie, dass spontane Konfabulationen auf einer bisher nicht bekannten Störung beruhen: einer Unfähigkeit, aktivierte Erinnerungsspuren zur rechten Zeit wieder zu unterdrücken. Auch zeigen sie, dass eine Unfähig-keit, Information normal aus dem Gedächtnis abzurufen -also die häufigste Manifestation einer Amnesie- ausnahmsweise auf einer Aktivierung von zu vielen Gedächtnisspuren beruhen kann, statt auf einem Mangel an gespeicherter Information. Schliesslich lassen die Ergebnisse annehmen, dass das vordere limbische System einen Kontrollmechanismus für menschliches Denken und Handeln darstellt, der immer wieder diejenigen gedanklichen Assoziationen unterdrückt, die keinen Bezug zur aktuellen Realität haben. Dieser Mechanismus ermöglicht es uns, trotz freier gedank-licher Assoziationen immer zu spüren, welche Erinnerungsspuren sich auf die Gegenwart beziehen, und so unser Handeln auf diese Realität auszurichten.
Schnider A and Ptak R. Spontaneous confabulators fail to suppress currently irrelevant memory traces.
Nature Neuroscience. 1999; 2:677-681
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| Die Forschungsarbeit |
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