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Out-of-Body Experience, Selbst und der temporoparietale Übergangskortex
Bereich: Klinische Forschung Neurowissenschaften und Erkrankungen des Nervensystems
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| Prof. Olaf Blanke Genf |
PD Dr. Margitta Seeck Genf |
Ausserkörperliche Erfahrungen und Autoskopie neurologischen Ursprungs
Zusammenfassung
Während einer ausserkörperlichen Erfahrung ("Out-of-Body Experience", OBE) scheint eine Person wach zu sein und ihren Körper und die Welt von einem Ort ausserhalb des eigenen Körpers wahrzunehmen. Betroffene berichten etwa wie folgt: "Ich lag im Bett und war gerade am Einschlafen, als mich der klare Eindruck überfiel, ich befinde mich auf Deckenhöhe und sehe auf meinen Körper im Bett hinunter. Ich war sehr erschrocken und beängstigt; unmittelbar danach fühlte ich, dass ich wieder bewusst im Körper auf dem Bett zurück war". OBEs haben die Menschheit seit Urzeiten fasziniert und sind gekennzeichnet durch (1) ein Aufhalten des Ichs (oder des eigenen Bewusstseinzentrums) ausserhalb des Körpers, (2) ein Gefühl, die Welt aus einer erhöhten Perspektive ausserhalb des Körpers wahrzunehmen, und (3) ein Gefühl, den eigenen Körper aus dieser Perspektive zu sehen. OBEs ereignen sich bei ungefähr 10% der Bevölkerung, in den meisten Kulturkreisen dieser Welt und in verschiedenen medizinischen Situationen. Es handelt sich um eindrückliche Phänomene, weil diese die erfahrene räumliche Einheit von Ich und Körper oder die Erfahrung eines realen Ichs, das sich im eigenen Körper befindet und Gegenstand von Erfahrungen und Tätigkeiten ist, in Frage stellen.
Bis anhin gab es nur wenige wissenschaftliche Untersuchungen zu OBEs, vermutlich weil solche im Allgemeinen spontan auftreten, von kurzer Dauer sind und im Verlaufe eines Lebens nur ein- oder zweimal vorkommen. Untersuchungen bei Neurologie-Patienten mit OBEs sind ebenfalls selten, haben aber verschiedene Vorteile. So können bei solchen Patienten OBEs wiederholt und manchmal in kurzer Folge auftreten, was eine detailliertere Fragestellung bezüglich der OBEs und der Empfindungen kurz nach deren Auftreten erlaubt. Ausserdem können die damit zusammenhängenden neurologischen, ätiologischen und anatomischen Befunde analysiert werden. Es wurden kürzlich mehrere Patienten mit OBEs infolge von epileptischen Anfällen, Migräne und vaskulären Hirnschädigungen beobachtet. Dabei wurde die Bedeutung der vestibulären und multisensorischen Mechanismen für die Entstehung von OBEs aufgrund derer Anwesenheit in mehreren OBE-Patienten und aufgrund der Tatsache, dass vestibuläre Illusionen (Aufsteigen, Rotieren, Fliegen, Leichtigkeit) und multisensorische Illusionen (visuell empfundene Gliederverkürzung und -bewegung) auch durch elektrische Stimulation desselben Kortexbereichs hervorgerufen werden können, in welchem mit höheren Stimulationsströmen OBEs induziert werden können, erkannt. Diese Daten weisen darauf hin, dass vestibuläre Illusionen, multisensorische Illusionen von Körperteilen (wie visuelle Verkürzung und Bewegung von Gliedmassen sowie Phantomglieder) und multisensorische Illusionen des gesamten Körpers (wie OBEs) gemeinsame funktionelle und anatomische Mechanismen aufweisen könnten. Bereits früher hatten andere Autoren über mehrere Patienten mit OBEs infolge umschriebener Hirnschädigungen berichtet und dabei festgestellt, dass die Läsionen vornehmlich den Temporallappen beeinflussten. In unserer Läsionsanalyse von mehreren OBE-Patienten wurde gefunden, dass die temporo-parietale Junktion (TPJ) bei allen Patienten beteiligt ist. Aufgrund dieser Befunde wurde für OBEs ein kognitives Modell vorgeschlagen, gemäss welchem OBEs mit einem Integrationsmangel von propriozeptiven, taktilen und visuellen Informationen des Körpers einer Person (persönlicher Raum) zusammenhängen. Dies kann zum Sehen des eigenen Körpers in einer Position (d.h. auf dem Bett) führen, die mit der tatsächlich empfundenen Position des eignen Körpers (d.h. unter der Decke) nicht übereinstimmt. In diesem Modell wird angenommen, dass die Entkörperung und die erhöhte visuell-räumliche Perspektive während einer OBE mit einer zusätzlichen vestibulären Dysfunktion zusammenhängen. Zusammenfassend weisen die neurologischen Befunde darauf hin, dass OBEs auf einer Desintegration innerhalb des persönlichen Raumes (multisensorische Dysfunktion) und einer Desintegration zwischen persönlichem (vestibulärem) Raum und extrapersönlichem (visuellem) Raum infolge von Wechselwirkungen mit der TPJ beruhen.
Bedeutung der Arbeit
In der Wissenschaft sind die herausforderndsten Phänomene oftmals diejenigen, die wir in unserem täglichen Leben als gesichert ansehen. Hervorragende Beispiele sind das Ich und die empfundene räumliche Einheit (zwischen Ich und Körper). Wie schon von anderen bemerkt, werden diese zwei volkstümlichen psychologischen Konzepte durch OBEs in Frage gestellt. Die untersuchten Befunde bei Neurologie-Patienten, welche diese deutliche Dissoziation zwischen Ich und Körper erfuhren, weisen darauf hin, dass OBEs kulturell invariante Phänomene sind, die wissenschaftlich untersucht werden können. Die neurowissenschaftliche Erforschung des Ichs steckt noch in den Kinderschuhen, und es gibt gegenwärtig keine etablierten Modelle, nur wenig Daten und in mancher Hinsicht nicht einmal Begriffe zur Beschreibung der neurowissenschaftlichen Konzepte des Ichs. Die weitere Untersuchung von OBEs und die damit zusammenhängenden Mechanismen bei der TPJ könnten demnach dazu beitragen, unsere neurowissenschaftlichen Modelle des Ich-Empfindens und des Körperbewusstseins zu verbessern. Obwohl im Ich-Empfinden viele andere kortikale Bereiche beteiligt sind, weisen neuere Neuroimaging-Studien auf eine Schlüsselrolle der TPJ hin. Dies trifft nicht nur für OBEs, sondern auch für viele andere Aspekte des Körpers und des Ich-Empfindens, wie die Integration von multisensorischen körperlichen Informationen, die visuelle Perzeption von menschlichen Körpern, die biologische Perzeption von Bewegung, die Unterscheidung zwischen Ich und Anderem, das Handeln und das Einnehmen von Perspektiven zu. Es ist zu hoffen, dass die experimentellen Untersuchungen der Wechselwirkungen zwischen multisensorischen und kognitiven Mechanismen bei OBEs und der damit zusammenhängenden Illusionen in Kombination mit Neuroimaging- und Verhaltensstudien unser Verständnis ebenso fördern werden, wie die frühere Forschung zur Aufklärung der zentralen Mechanismen von Phantomgliedern beigetragen hat.
Blanke O, Ortigue S, Landis T, Seeck M. Stimulating illusory own-body perceptions. Nature 2002;419:269-270.
Blanke O, Landis T, Spinelli L, Seeck M. Out-of-body experience and autoscopy of neurological origin. Brain 2004;127:243-258.
Blanke O, Arzy S. The out-of body experience. Disturbed self processing at the temporo-parietal junction. The Neuroscientist (in press).
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| Die Forschungsarbeit | ||
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