Oxytocin erhöht menschliches Vertrauen

Bereich: Klinische Forschung Neurowissenschaften und Erkrankungen des Nervensystems

Prof. Michael Kosfeld
Zürich
Dr. Markus Heinrichs
Zürich

Zusammenfassung
Menschliches Zusammenleben beruht auf Vertrauen. Kaum eine Begegnung kommt ohne Vertrauen aus. Eine beeindruckende Zahl an Forschungsergebnissen aus verschiedenen Wissenschaftsfeldern zeigt, wie elementar Vertrauen für alle Formen zwischenmenschlicher Interaktion ist - vom Zusammenleben in der Partnerschaft und Familie bis zu den internationalen Beziehungen zwischen Nationen.

Die biologischen Grundlagen menschlichen Vertrauens sind jedoch bislang nicht bekannt. Welche neurobiologischen Voraussetzungen ermöglichen es, Vertrauen zu entwickeln? Gibt es ein spezifisches biologisches System zur Regulierung von Vertrauen in andere, auch uns unbekannte Menschen? In unserer Studie haben wir erstmals gezeigt, dass das Hormon Oxytocin eine zentrale Rolle für das menschliche Vertrauen spielt. Teilnehmer, denen Oxytocin in Form eines Nasensprays verabreicht wurde, zeigten ein signifikant höheres Vertrauen in andere Menschen als Teilnehmer, denen ein Placebo verabreicht wurde.

Aus der jüngsten tierexperimentellen Forschung ist bekannt, dass Oxytocin neben seiner Bedeutung für Geburt und Stillen eine herausragende Rolle bei der Steuerung von sozialem Annäherungs- und Bindungsverhalten spielt (z. B. Mutter-Kind-Bindung, Paarbindung). Ausserdem wurden in Tierstudien angst- und stressreduzierende Effekte von Oxytocin nachgewiesen. Da Neurohormone wie Oxytocin nicht ohne weiteres die Blut-Hirn-Schranke überwinden können, war für die Humanforschung zunächst die Prüfung verhaltensrelevanter Paradigmen zur zentralnervösen Oxytocinstimulation notwendig. Wir konnten in ersten Studien zeigen, dass intranasal appliziertes Oxytocin anxiolytische Effekte hat und die stressreduzierenden Effekte sozialer Unterstützung deutlich verstärkt (Arbeitsgruppe Heinrichs).

Um die Bedeutung von Oxytocin für das menschliche Vertrauen in einem Verhaltensexperiment zu untersuchen, wurde ein so genanntes "Vertrauensspiel" durchgeführt. In diesem Spiel befinden sich mehrere Personen über Computer miteinander verbunden in einem Raum, wobei immer jeweils zwei Teilnehmer anonym miteinander agieren. Dabei kennt kein Teilnehmer die Identität des anderen Teilnehmers. Ein Teilnehmer ist in der Rolle von Spieler 1, der andere in der Rolle von Spieler 2. Spieler 1 hat zunächst die Möglichkeit, Spieler 2 zu vertrauen, in dem er ihm einen bestimmten Geldbetrag überweist. Die an Spieler 2 überwiesene Summe wird dabei von den Experimentatoren verdreifacht. Nachdem Spieler 2 das Geld von Spieler 1 erhalten hat, kann er entscheiden, wie viel er an Spieler 1 zurückgibt. Wenn Spieler 2 das Geld teilt und Spieler 1 am Profit teilhaben lässt, haben beide Teilnehmer am Ende mehr Geld zur Verfügung als zu Beginn des Spiels. In diesem Fall hat sich das Vertrauen für Spieler 1 gelohnt. Spieler 2 hat jedoch auch die Möglichkeit, das gesamte Geld für sich zu behalten. Tut er dies, profitiert Spieler 2 vom Vertrauen des Spieler 1, letzterer geht jedoch leer aus. Das grösste soziale Risiko trägt in diesem Experiment natürlich Spieler 1: Er weiss nicht, mit wem er es zu tun hat, und es gehört viel Vertrauen dazu, grössere Geldbeträge zu überweisen, ohne zu wissen, inwieweit man etwas zurückerhält. Was bewirkt nun eine höhere zentralnervöse Verfügbarkeit von Oxytocin im Vergleich zu Placebo? In unserer Studie zeigt sich, dass Teilnehmer in der Rolle des Spieler 1, denen Oxytocin verabreicht wurde, signifikant mehr Geld an Spieler 2 überweisen, als Teilnehmer, die Placebo erhalten haben. Fast die Hälfte der Personen der Oxytocingruppe gibt sogar in vier verschiedenen Vertrauensspielen mit unterschiedlichen Partnern immer den maximal möglichen Geldbetrag an ihren Mitspieler.

Lässt sich diese Wirkung von Oxytocin nun als ein erhöhtes soziales Vertrauen interpretieren? Oder erhöht Oxytocin vielleicht nur die allgemeine Risikobereitschaft? Um dies zu prüfen, haben wir in einem Kontrollexperiment Spieler 2 mit Wissen des Spieler 1 durch ein Computerprogramm ersetzt, welches die gleichen Rückzahlungswahrscheinlichkeiten - und damit das gleiche Risiko - bietet wie ein realer Mitspieler. In dieser Variante des Vertrauensspiels ohne jede soziale Interaktion hat Oxytocin keine vertrauensfördernde Wirkung mehr. Dieses Ergebnis macht deutlich, dass das Hormon spezifisch die individuelle Bereitschaft erhöht, soziale Risiken im Umgang mit anderen Menschen einzugehen, und nicht die generelle Risikobereitschaft beeinflusst. Der spezifische Effekt von Oxytocin stimmt mit den Ergebnissen aus der Tierforschung überein, die auf die entscheidende Rolle von Oxytocin als biologische Basis für soziales Annäherungsverhalten hinweisen.

Bedeutung der Arbeit
In unserer Studie konnte erstmals in einem Humanexperiment gezeigt werden, dass das Hormon Oxytocin das Vertrauen in andere Menschen erhöht. Zusammen mit den stressprotektiven und anxiolytischen Eigenschaften zielt das Wirkungsspektrum des Hormons im menschlichen Gehirn auf eine Vielzahl psychischer Störungen, bei denen Defizite im sozialen Verhalten im Fokus stehen (v.a. soziale Phobie, Autismus, Persönlichkeitsstörungen). Die Überwindung der Blut-Hirn-Schranke durch Hormonapplikation in Form eines Nasensprays ermöglicht dabei eine spezifische Verabreichung von Oxytocin im klinischen Kontext. Die beiden Preisträger setzen Ihre Zusammenarbeit derzeit fort, indem sie die genauen hirnphysiologischen Mechanismen von Oxytocin in sozialen Situationen im Rahmen des neu geschaffenen Universitären Forschungsschwerpunkts "Foundations of Human Social Behavior" der Universität Zürich mit bildgebenden Verfahren (funktionelle Magnetresonanztomographie, Positronen-Emissionstomographie) untersuchen. Die unmittelbaren therapeutischen Implikationen aus der Studie zu Oxytocin und Vertrauen werden aktuell im Rahmen eines Nationalfondsprojekts an der Universität Zürich unter Leitung von Markus Heinrichs bei Patienten mit sozialer Phobie untersucht.

Kosfeld* M., Heinrichs* M., Zak P.J., Fischbacher U., Fehr E. (2005). Oxytocin increases trust in humans. Nature, 435, 673-676. [*shared first authorship]
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Die Forschungsarbeit
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